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Katrien Mestdagh

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Das Ergebnis der Akademisierung der Schulbildung ist nun zu besichtigen: wir haben die ersten zwei Generationen, die ohne Handwerk aufgewachsen sind. Alarm schlägt nun die Wirtschaft, und zwar in zahlreichen europäischen Ländern. So auch in Deutschland: Fast alle handwerklichen Betriebe in Deutschland leiden unter einem chronischen Mangel an Jugend, und es gibt praktisch kaum mehr junge Menschen, für die Handwerk ein Lebensinhalt darstellt. Laut einer Studie des „Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung am Institut der deutschen Wirtschaft" (KOFA) vom April 2021 fehlen dem Handwerk 54.000 Gesellen und 5.500 Meister, 28.000 Ausbildungsplätze im Handwerk sind in diesem Ausbildungsjahr noch unbesetzt. Es kommen immer weniger junge Menschen nach, vor allem immer weniger solche, die die Voraussetzungen mitbringen könnten, in einem anspruchsvollen Segment des Handwerks zu arbeiten. Was tun? Die „KOFA-Studie" versucht sich in Antworten. Sie stellt z.B. heraus, dass es angesichts des Fachkräftemangels von besonderer Bedeutung sei, die duale Ausbildung im Handwerk transparent zu machen und möglichst „zielgruppengenau" zu kommunizieren. Insbesondere sei es wichtig, Berufe für Schülerinnen und Schüler in der Phase der Berufswahlorientierung erlebbar zu machen, beispielsweise durch Praktika oder Schulkooperationen. In der separaten Handlungsempfehlung „Schulkooperationen gestalten" geht das „Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung" auf die Zusammenarbeit zwischen Schulen und einzelnen Unternehmen ein. Durch eine Kooperation mit einer Schule könnten Unternehmen die Schülerinnen und Schüler schon früh ansprechen, um sie für eine Ausbildung im eigenen Haus zu begeistern. Dies sei eine gute Möglichkeit, um dem Fachkräftemangel selbst aktiv zu begegnen. Die Vorteile für die Unternehmen bestünden laut der Studie in der Stärkung der Personalauswahl, der Erhöhung der Passgenauigkeit der Auszubildenden sowie in der Erhöhung des Prestiges des Unternehmens als Ausbildungsbetrieb. Schulen wiederum profitierten durch eine Kooperation vom Expertenwissen aus der Praxis und könnten ihren Schülerinnen und Schülern wertvolle Einblicke in unternehmerisches Handeln und wirtschaftliche Zusammenhänge eröffnen. Derzeitige Praxisbeispiele wie der „Arbeitskreis Schule Wirtschaft" informieren Jugendliche über Ausbildungsmöglichkeiten in Unternehmen. Für „kooperationserfahrene Profis" empfiehlt die Handlungsempfehlung Schulen und Unternehmen, im Sinne einer „Verantwortungsgemeinschaft Bildungsprozesse gemeinsam zu erarbeiten". Diese könnten unterschiedliche Formen annehmen wie Projektarbeiten, Patenschafts- und Mentorenprogramme, die Unterstützung von Schulveranstaltungen, Eltern-Aufklärungsarbeit oder die Mitgestaltung von Unterrichtseinheiten. Soweit die Ideen der KOFA-Studie. Ist die Berufsorientierung aber nur dazu da, den Betrieben Auszubildende zuzuführen? Kann es nicht um mehr gehen, vielleicht eine grundsätzliche Orientierung im Leben? Ausbildung oder Studium? Welchen Vorbildern folgen? Für was oder welche Werte möchte ich mich einsetzen? Könnte ich mich trauen, auf das Studium zu verzichten, um eine handwerkliche Meisterausbildung anzufangen? Eine punktuelle Erfahrung in einem Betrieb kann Hinweise zur Beantwortung dieser Fragen liefern, ist aber kein Ersatz für eine grundlegende Orientierung. Neue Bildungskonzepte müssen viel früher ansetzen. Schon in den ersten Jahren der Schule sollten die Schüler auf eine (vom Arbeitsmarkt unabhängig gedachte) spielerische Art lernen, kreativ zu denken und zu handeln. Bereits vor der eigentlichen Phase der Berufsorientierung müsste es Schülern möglich sein, ihre Talente zu entdecken. Die Entwicklung der natürlichen Talente hat viel mit dem Umfeld zu tun, in dem Kinder aufwachsen und den Möglichkeiten, die ihnen geboten werden. Es müsste eine Kultur etabliert werden, bei der Kinder und Jugendliche langfristig und begleitend zur Schule - vom Schulbeginn in der 1. Klasse bis zum Abschluss - über mehrere Jahre ihre Interessen, kreative Energien und Talente, vielleicht auch handwerkliche, entdecken können.